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© Rolf Walter
© Rolf Walter

Am 20. Januar 1942 lud der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, SS-Obergruppenführer und General der Polizei Reinhard Heydrich Vertreter verschiedener Behörden in das Gästehaus der SS im Gebäude Am Großen Wannsee 56/58. Der Einladung war die ein Kopie eines Schreibens des Reichsmarschalls Hermann Göring beigefügt, in dem er Heydrich zum „Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage" bestellte. Das Ziel der Ermordung der im Konferenzprotokoll penibel nach Ländern aufgeführten elf Millionen Juden Europas bedurfte für eine effiziente Umsetzung der Abstimmung mit verschiedenen Behörden. Dies war Gegenstand der Konferenz. In weniger als zwei Stunden war die Besprechung nebst Imbiss erledigt, die Teilnehmer verließen den Tisch. Einer von Ihnen, SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, Leiter des Referats IV B 4 (Juden- und Räumungsangelegenheiten) im Reichssicherheitshauptamt, schrieb abschließend das Konferenzprotokoll. Es ist seit seiner Verlesung im Jahre 1947 im Rahmen der Nürnberger Prozesse bekannt. Sein Inhalt zeigt, wie fünfzehn Männer bürokratisch festhielten, wer als Jude anzusehen war und beschreibt das Vorhaben, elf Millionen von ihnen in den Ländern Europas, von Irland bis in die Ukraine zu ermorden.

Seit Bekanntwerden der Protokolle wurde intensiv über die fünfzehn Teilnehmer geforscht. Stets standen sie mit ihrer Biographie, ihrer Sozialisation und ihrer Prägung im Vordergrund.

Die anderen „Beteiligten“ an der Konferenz waren immer nur „die elf Millionen zu ermordenden Juden“ oder „die sechs Millionen Ermordeten“.

Seit vielen Jahren holt der Historiker Julien Reitzenstein in wissenschaftlichen Büchern, aber auch Initiativen zur Gedenkkultur jene aus der Anonymität, die bisher als „die Opfer“ galten, und gibt ihnen ihre Namen und Identitäten, ihr Gesicht zurück.

Aus dieser Motivation heraus erarbeitete er ein künstlerisches Gedenkkonzept, dass sich nach der intensiven Befassung mit den Tätern der Wannseekonferenz mit der Sichtbarmachung jener befasst, die laut Konferenzprotokoll ermordet werden sollten – und ihrer Ermordung entkamen.

Die Sichtbarmachung von individuellen Menschen, jener, die nach dem Willen der Täter seit Jahrzehnten nicht mehr leben sollten ist ein Aspekt von WIR! SIND! HIER!

Ein weiterer ist ein Perspektivwechsel: Wenn von Shoa und ihren Folgen gesprochen wird, ist der Blick in der Regel in die Vergangenheit gerichtet. Doch die Shoa ist nicht nur ein Kapitel in Geschichtsbüchern, etwas das man zuklappen und vergessen kann. Ihre Folgen wirken in die Gegenwart und auch in die Zukunft. Nicht nur in jenen Familien, die vom NS-Regime verfolgt wurden, sondern auch in der Gesellschaft. Indem WIR! SIND! HIER! nicht nur Überlebende der Shoa portraitiert und aus ihrer Vergangenheit berichten lässt, sondern auch ihre Enkel und Urenkel portraitiert, richtet sich der Blick auch in die Zukunft. Denn den Tätern ist es nicht gelungen, alle Juden Europas zu ermorden. Jüdisches Leben ist Teil unserer Gegenwart. Die Enkel und Urenkel verweisen darauf, dass jüdisches Leben auch in der Zukunft unter uns sein wird.

So setzt WIR! SIND! HIER! auch ein Zeichen gegen den Antisemitismus unserer Tage. 

Die Installation WIR! SIND! HIER! konfrontiert den Betrachter mit verschiedenen Spannungsbögen:

  • Die fünfzehn Stühle der Täter sind leer. Die Täter sind fort und tot. Auf dem Tisch liegt das Konferenzprotokoll, dass die Ermordung auch der um den Tisch stehenden Portraitierten vorsah. Sie rufen: „WIR! SIND! HIER! – und unsere Nachfahren ebenso!“
  • Die Portraitierten sind gegenüber den fünfzehn vorhandenen Plätzen am Konferenztisch in der Überzahl.
  • Die Textstelen neben den Portraits haben zwei Kolumnen. In der linken Kolumne ist ein Ausschnitt aus den (Über-)Lebensgeschichten der portraitierten Überlebenden zu lesen, die im Buch WIR! SIND! HIER! veröffentlicht wird. Und deren Gedanken zur Wannseekonferenz. Sie schildern ihre Gedanken in ihren eigenen Worten – ausführlich, frei, individuell und selbstbestimmt. In der rechten Kolumne gibt es eine knappe Information zu je einem Täter in nüchtern-enzyklopädischer Sprache. Die Überlebenden dominieren die Täter nicht nur in der Länge ihres Textes, sondern auch in der Individualität ihrer Sprache.
  • Über den enzyklopädischen Notizen zu den Tätern sind deren Fotos zu sehen. Doch während die Überlebenden und ihre Nachfahren lebensgroß in der Ausstellung stehen, sind die Täter nur in sehr kleinen Fotos abgebildet.
  • Die lebensgroßen Portraits der Überlebenden sind klar und präsent. Die kleinen Fotos der Täter sind künstlich verblasst. Die Täter sind nur noch als Schatten zu erkennen.

Die Überlebenden und ihre Nachkommen drücken mittels dieser Spannungsbögen die Täter aus der Geschichte. Die Überlebenden stehen im Mittelpunkt und rufen: „WIR! SIND! HIER!“

Von allen denkbaren fotografischen Möglichkeiten, den Überlebenden die größtmögliche Präsenz in der Installation zu gewähren, erschien die weltweit nur einmal existierende IMAGO Camera als beste Wahl. Diese begehbare Kamera, in deren Innenraum die Portraitierten mit einem Selbstauslöser selbstbestimmt entscheiden, wie sie von der Kamera gesehen werden möchten, steht im Aufbauhaus am Moritzplatz in Berlin. Sie wird betrieben von der Künstlerin Susanna Kraus, die darin schon unzählige Menschen, darunter viele Prominente, portraitiert hat. Mit ihr haben wir das fotografische Konzept für die Portraits von WIR! SIND! HIER! entwickelt:

Wir wollen mit diesem fotografischen Konzept die Hoffnung, die Zukunft zeigen und auf das Leben verweisen. Im gleichen Moment Bilder gegen das Vergessen schaffen, Bilder, die man nicht so einfach übersieht, Bilder, die haften bleiben, Bilder, die man nicht zuklappen kann. Ein Zeitdokument.

Die Serie der Portraits vereint die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft jeweils in einer Fotografie. Sie zeigt jeweils (Ur-)Großväter und -mütter neben (Ur-)Enkeln auf je einem 200x60 cm großen analogen Schwarzweiß-Portrait. Kein Hintergrund, keine räumliche Zuordnung: der leere Raum und zwei Menschen von Kopf bis Fuß, zusammenstehend in einem engen, hohen Format.

Diese Bilder sollen nicht nur den Blick auf die Zeitzeugen, ihr Überleben und ihr unvorstellbares Leid richten, sondern in die Zukunft weisen!

Gerade durch die Entkontextualisierung der Portraitierten wird dem Betrachter ein neuer Blick ermöglicht. Es sieht nur Menschen. Konkrete Menschen. Mit Namen, mit Leben, mit Erzählungen. Dies macht das Menschheitsverbrechen der Shoa persönlich – schafft, was eine abstrakte Größe nicht zu schaffen vermag: Es macht die Ungeheuerlichkeit des Verbrechens fühlbar. Denn wenn diese Menschen dem Betrachter in Echtgröße gegenüberstehen, wird er nicht darauf vorbereiten sein und es erfasst ihn. Hätten die Täter ihren Plan vollendet, würde der Betrachter nie vor diesem Foto stehen können und das portraitierte Kind würde heute nicht unter uns weilen.

Die IMAGO Camera lässt alles weg, was den puren Blick verstellen könnte und konzentriert sich einzig auf die Abbildung der Person(en), gleichsam deren Persönlichkeiten. Eine künstlerische, ästhetische und liebevolle Sicht auf die Portraitierten öffnet den Blick des Betrachters. Ein emotionaler Abdruck der Geschichte bewahren soll, entsteht. IMAGO Fotografie ist Lichtmalerei, sie ist der unmittelbare Licht-Abdruck einer Person auf dem Fotopapier. Es gibt keinen Umweg über das Negativ und somit sind die Photonen, die im Moment des Auslösens die Portraitierten berühren, Teil der fotografischen Abbildung. Dies ist ein wesentlicher Grund, weshalb die aufwendige Technik der Direktbelichtung einen so hohen Stellenwert in der Fotografie hat.

Nach der Premiere im Berliner Parlamentsgebäude am 20. Januar 2022, dem 80. Jahrestag der Wannseekonferenz, reist die Installation in alle Welt. Dabei werden weitere Überlebende portraitiert und die Installation so laufend ergänzt. Am Ende der Reise kehrt WIR! SIND! HIER! nach Berlin zurück und soll dort ab dem 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag des Kriegsendes, dauerhaft zu sehen sein. Ein Zeitzeugnis – die letzten Überlebenden und ein Perspektivwechsel bei der Betrachtung der Shoa – nicht die Täter, sondern die von ihnen Verfolgten stehen im Mittelpunkt.