Meine Ahnen haben in der Österreich-Ungarischen Monarchie überall verteilt gelebt, waren zu Großteil Kaufleute und Hand- werker zwei Onkel väterlicherseits waren Arzt und Professor, einer ein Bankier. Der mütterliche Großpapa hat ein mehr als 1200 ha großes Gut gepachtet, er war eine anziehende, bezaubernde Persönlichkeit. Der väterliche Großpapa war ein Schneider, sah immer aus, wie gerade aus der Schachtel herausgezogen, frisch gebügelt, tadellos elegant, sehr fromm, man musste ihm das Essen aus einer koscheren Küche holen lassen, weil wir nicht koscher waren. Ich habe viele Cousins und Cousinen gehabt und ich habe gewisse Vorrechte besessen, weil ich das erste Enkelkind gewesen war.
Am 1. Juli 1944 hat man mich mit meiner Familie nach Auschwitz-Birkenau, und dann einige Wochen später, ganz alleine in ein zum Konzentrationslager Buchenwald gehörendes Außenlager verschleppt, nach dem Krieg bin ich zurückgekehrt, alleine. 49 Mitglieder meiner Familie wurden im Holocaust ermordet. Der Mann von der jüngeren Schwester meiner Mutter in der Slowakei, in Nové-Zámky, ein Kreisarzt hat die Trümmer der Familie gesammelt, und hat auch mir Obdach gegeben. Nach der Befreiung vermochte ich zwei Jahre lang nicht aus dem Bett aufzustehen.
Mein spürbares Trauma dauerte 59 Jahre lang. Ich konnte über Auschwitz-Birkenau kein Wort sprechen, schreiben, oder denken. Mit einer Schulfreundin fuhr ich 2003 nach Kraków – und von dort nach Auschwitz-Birkenau, zum ersten Mal, seit ich das Lager am 13.08.1944 in Richtung Buchenwald verlassen hatte. Nichts dort war mehr so, wie damals. Danach war ich aber rasch in der Lage, wieder über das Erlebte zu sprechen. Kurz darauf begann ich, regelmäßig nach Deutschland in Schulen und Universitäten zu reisen, um mit Jugendlichen darüber zu reden. Die deutsche Sprache war und ist mir sehr wichtig.
Mein Leben lang haben die verschiedenen Regimes die Mö- glichkeit gefunden, mir das Leben schwer zu machen. Im Nazi-Regime wurde ich deportiert, im ungarischen Sozialismus zu einem „deklassierten Element“.
Als ich 1947 aus Nové-Zamky nach Debrecen zurückkehrte, habe ich mich ohne tiefe Empfindungen, nach einer Woche Bekanntschaft verheiratet, vollkommen wurzel- und ratlos, ich fühlte mich allein und unbeholfen. Ich habe als Hilfsarbeiterin im Bauwesen gearbeitet. Das war mir eine zu schwere physische Arbeit, aber bessere wurde mir nicht gegeben. Wegen meiner bourgeoisen Abstammung hat man mir keine höhere Bildung zugebilligt. Eigentlich hatte ich Pianistin werden wollen. Aufgrund der körperlichen Schäden durch die Lagerhaft wurde mir das dazu notwendige stundenlange Üben unmöglich, ich musste diesen Traum aufgeben. Später durfte ich wegen meiner Sprachkenntnisse in Deutsch, Englisch und Französisch im ungarischen Außenhandel arbeiten und regelmäßig nach West- europa, Nordafrika, Südamerika und in arabische Länder rei-sen. Als endlich der Sozialismus zu Ende gegangen war, habe ich 1989 meine eigene Außenhandelsfirma gegründet, die ich bis 2007 geführt habe. Um über den ungarischen Holocaust zu reden bin ich in Ungarn und später in Deutschland herum- gereist, habe darüber Bücher geschrieben und habe dafür viel Anerkennung erhalten. Bis zum letzten Moment meiner Tatkraft will ich mich damit beschäftigen.
Zweimal hat man mich gebeten, zum Jahrestag der Wannseekonferenz zu sprechen – im Haus der Wannseekonferenz. An das erste Mal, 2014, habe ich nur die Erinnerung der Angst: der spiritus loci war furchtbar präsent. Beim zweiten Mal, 2020, überkam mich primär die Wut über das, was 1942 in diesem Haus geschehen war. Andererseits aber auch die Zufriedenheit, die ich auch heute habe, dass ich da bin. Aber wo sind die Herren, die sich vorstellten, Herrscher der Welt zu sein, und alle Juden der Welt ausrotten wollten? Da stehen die leeren Stühle. Sie sind nicht mehr da. Aber WIR! SIND! HIER!

Eva Pusztai-Fahidi