1930 in Westungarn geboren, war ich das zweitjüngste von sechs Kindern. Meine Familie war orthodox – wir hielten den Schabbat und die Kaschrut ein, und ich besuchte die hebräische Schule. Meinem Vater gehörte ein Lebensmittelladen – und obwohl wir keineswegswohlhabend waren, fehlte es mir auch nicht an etwas, als ich aufwuchs. Ich lief mit einer Kippa  erum, ohne Probleme zu bekommen.
Das änderte sich mit der Besetzung Ungarns durch die Nazis im März 1944. Wir wussten wie die Nazis die Juden in den Nachbarländern behandelten und hatten deshalb große Angst. Wenige Tage nach der Besetzung wurden Restriktionen angekündigt, darunter das obligatorische Tragen von gelben Sternen, Bewegungseinschränkungen, die erzwungene Schließung jüdischer Geschäfte und vieles mehr. Daraufhin wurden wir aus unserem Haus vertrieben und am 18. Juni 1944 in das jüdische Ghetto in der Nachbarstadt Sopron gebracht. Dort „wohnten“ wir unter freiem Himmel mit Gemeinschaftstoiletten und -küchen. Einige Wochen später, am 5. Juli 1944 meinem 14. Geburtstag, wurden wir in Viehwaggons getrieben und nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Die Fahrt dauerte etwa 3-4 Tage, und wir durften den Waggon während dieser Zeit nicht verlassen. Es gab einen Eimer mit Wasser zum Trinken und einen weiteren für die Körperpflege. Als wir in Auschwitz ankamen, stand ich in einer Reihe mit meinem älteren Bruder und meinem Vater. Ich sagte meinem jüngeren Bruder, er solle bei unserer Mutter bleiben, und das war das letzte Mal, dass ich die beiden sah. Meine Mutter und mein Bruder wurden bei ihrer Ankunft vergast. Der Mann der uns begrüßte (ich erfuhr später, dass es Dr. Josef Mengele war), fragte mich, wie alt ich sei, und ich sagte ihm, dass ich gerade 14 geworden sei. Ich glaube, das weckte sein Interesse, denn er wünschte mir alles Gute zum Geburtstag und wies mich an, nach rechts zu gehen. Mein Vater wollte mir folgen, aber er hielt ihn auf und wies ihn an, nach links zu gehen. Also gingen mein älterer Bruder und ich in den Anmeldebereich des Lagers. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Vater gesehen habe. Auch er wurde direkt in die Gaskammern gebracht. Ich frage mich, ob meine Mutter und mein Bruder wieder mit meinem Vater vereint waren, als sie dorthin gebracht wurden.
Es dauerte eine Weile, bis ich die Wahrheit darüber, wo wir waren und was mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder geschehen war, akzeptieren konnte. Häftlinge, die schon länger im Lager waren, erzählten es mir, aber ich konnte nicht glauben, dass sie nicht mehr da waren. Es fällt mir immer noch sehr schwer, das zu akzeptieren, und eine Zeit lang nach dem Krieg litt ich unter Albträumen. Bevor wir das Hauptlager betraten, wurden wir geduscht und rasiert und bekamen unsere Uniformen. Wir bekamen auch Nummern, die unsere Namen ersetzten. Meine Nummer wurde später auf meinen Arm tätowiert – sie ist eine ständige Erinnerung für mich.
Im November 1944 wurde ich sehr krank und musste bis Anfang 1945 in der Lazarettbaracke bleiben. Zu diesem Zeitpunkt hörten wir die ersten Schüsse und wussten, dass die Russen kurz vor der Befreiung des Lagers standen. Wir Häftlinge wurden auf den Todesmarsch nach Westen getrieben. Jeder der zurückblieb, so die Anweisung, würde erschossen werden. Ich versteckte mich bei einer Rast in der Hoffnung, dass die Russen bald kommen würden. Tatsächlich erschienen einige Stunden später russische Soldaten in weißen Tarnuniformen und teilten uns mit, dass wir befreit seien.
Die Befreiung war ein physischer und psychischer Prozess. Ich brauchte Zeit, um mich wieder zurechtzufinden und nach Kapuvar zurückzukehren. Ich war wieder mit meiner Schwes- ter vereint, die in der Frauenabteilung von Birkenau gewesen war, mit meinen beiden älteren Brüdern, die zur Zwangsarbeit eingezogen worden waren, bevor der Rest der Familie deport- iert wurde, und mit meinem anderen Bruder, mit dem ich in Bir-kenau zusammen war.
Ein paar Jahre später lernte ich meine wunderbare Frau Judith kennen, die ebenfalls eine Überlebende aus Budapest war. Wir heirateten und bekamen vier wunderbare Kinder. Wir ließen uns im Nordwesten Londons nieder und wurden Teil der dortigen jüdischen Gemeinde. Leider ist meine Frau vor sechs Jahren verstorben, aber ich genieße ein arbeitsreiches Leben, reise, wenn möglich, spreche auf Veranstaltungen und verbringe Zeit mit meinen Enkeln und Urenkeln. Ich engagiere mich auch für die Restaurierung der jüdischen Friedhöfe in Ungarn. Ich bin dankbar für das, was ich habe, und ich bin Gott dankbar, dass er mir diese Möglichkeit gegeben hat:
Es ist für mich sehr bewegend, mit meiner Enkelin und Urenkelin an diesem Projekt teilgenommen zu haben und zu erklären: WIR! SIND! HIER! Das Naziregime ist gefallen, doch das jüdi- sche Volk gedeiht weiter.
Die fünfzehn Teilnehmer der Wannseekonferenz trafen sich, um über eine Lösung des “Judenproblems” zu diskutieren. Wie eine Gruppe von Menschen als “Problem” definiert werden kann ist unbegreiflich, und wie die “Endlösung” darin bestehen kann, ein Volk auszulöschen, ist erschütternd. Diese Männer hatten Familien, sie waren gebildet und einige waren führend auf ihrem Gebiet, doch ihr Hass war so stark, dass er sie überwältigte, und sie einten sich in ihrem Ziel der Zerstörung für das, was sie für die Verbesserung der Gesellschaft hielten.
Das jüdische Volk ist ein friedliebendes Volk. Ich hoffe, dass die schöne und kraftvolle Botschaft dieser Ausstellung in den Ohren der Menschheit laut erklingt und uns daran erinnert, To- leranz als höchsten Wert zu betrachten, damit wir Vorurteile und Diskriminierung aus der Welt schaffen können.

Yisrael Abelesz