1938 wurde ich in Stuttgart als erstes Kind meiner Eltern geboren. Meine Mutter Maria stammte aus Kolomyja in Österreich- Ungarn (heute Ukraine), mein Vater aus Vijnita in Rumänien (heute Ukraine). Meine Eltern heirateten 1933 in der Schweiz, da die Diskriminierung von Juden auch in dieser Hinsicht in Deutschland bereits problematisch war. Sie wollten so bald wie möglich Deutschland verlassen. Obwohl beide Geschwister in den USA hatten, erhielten sie kein Einreisevisum. Zudem wollten ihnen die deutschen Behörden lange kein Ausreisevisum erteilen, da mein Vater kein deutscher Staatsbürger war. Das endlich erteilte Ausreisevisum war auf den 27. August 1939 datiert – drei Tage später brach der Krieg aus. Wir hätten dann nicht mehr ausreisen können. Ich war da gerade dreizehn Monate alt und wir gelangten mit dem Zug nach England.
Meine Eltern erzählten mir, wie an der Grenze Beamte den Zug durchsuchten und alle jüdischen Männer herausgeholt hatten. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, sei es meinem Vater gelungen sich aus der bewachten Gruppe jüdischer Männer zu lösen und wieder auf den Zug aufzuspringen.
Drei Brüder und zwei Schwestern meiner Mutter waren 1936 zusammen mit ihrer Mutter nach Israel ausgewandert.
Einer der Brüder machte sich auf die gefährliche Reise zurück nach Deutschland, um zu versuchen, seine beiden Schwestern – Adele, ihren Mann und ihren Sohn, sowie Feige und ihren Mann – zu überreden, Deutschland zu verlassen und nach Israel zu kommen, aber sie waren zu verängstigt und er musste ohne sie zurückkehren. Nach dem Krieg konnten sie nicht mehr gefunden werden. Gegenüber unserem Haus waren Sperrballons gegen deutsche Luftangriffe verankert. Etwa eine halbe Meile von unserem Haus entfernt fielen ein paar Bomben. Meine Eltern begannen ein Geschäft mit der Herstellung und dem Verkauf von Blusen und Jabots. Meine Mutter war die Designerin und Schneiderin und mein Vater als Geschäftsführer und Verkäufer – und das recht erfolgreich. Am Ende des Krieges sprachen sie davon, nach Amerika zu gehen, aber meine Schwester und ich waren so aufgebracht, dass sie beschlossen, in England zu bleiben. Meine Mutter besuchte ihre Schwester eine Weile in New York. Sie lebte dann eine Weile bei ihrer Mutter und ihren drei Geschwister in Israel. Anfang der 1950er Jahre wurde bei meinem Vater Parkinson im Frühstadium diagnostiziert, er war erst 40 Jahre alt, und die Krankheit schritt ziemlich schnell voran.
Nach meinem Abschluss am Hendon Technical College habe ich 30 Jahre lang gearbeitet und nach meiner Pensionierung 15 Jahre lang ehrenamtlich in einem Hospiz-Wohltätigkeitsladen gearbeitet und bin immer noch im Ausschuss einer Wohnungsbaugesellschaft tätig. 1958 heiratete ich meinen Mann Stuart, bekam meine beiden Söhne Alan (1960) und David (1963) und hatte 43 gute Jahre, bis Stuart 2001 beschloss, die Ehe zu beenden. Dennoch habe ich viel, wofür ich dankbar sein kann: wunderbare Söhne, reizende Enkelkinder, von denen eines, Frank, mich nach Berlin zum Projekt WIR! SIND! HIER! begleitete, sowie Familie und Freunde.
Die Wannseekonferenz, die in einer so schönen Villa am See stattfand, hatte einen so düsteren Anlass: Die ‘Endlösung der Judenfrage’. Allein die Worte jagen mir einen Schauer über den Rücken. Ich werde nie verstehen, wie sich fünfzehn Männer zusammensetzen und sich darauf einigen konnten, einen so teuflischen Plan umzusetzen. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass die Wannseekonferenz nicht in Vergessenheit geraten darf, und deshalb war es mir wichtig, WIR! SIND HIER! zu rufen.

Hedy Gavurin